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Der Geliebte Gottes sein

Artikel aus AUFATMEN 3/97

Eine Einladung zur Hauptfrage des geistlichen Lebens

Von Henri J. M. Nouwen

"Das ist falsch! Das ist nicht die Wahrheit!. Dieses Denken ist eine große, große
Lüge. Auch wenn du so tust, als wäre es wahr -- es ist eine große Lüge!"
Wer sind Sie, wenn nicht das, was Sie tun? Wer sind Sie, wenn nicht das, was
die Leute über Sie sagen? Wer sind Sie, wenn nicht das, was Sie haben?
"Beweise der Welt, daß du es wert bist, geliebt zu werden! Beweise es, indem
du etwas tust. Beweise es, indem du einen guten Ruf hast. Beweise es, indem
du eine Menge besitzt."
Für Sie und für mich lautet die Hauptfrage des Lebens, auf der all unsere Freiheit beruht:
Glaubst du, daß du der Geliebte bist?
Die Stimme, die Sie Geliebter nennt, schreit Sie nicht an. Es ist eine sehr sanfte Stimme.
Und sie erklingt neben den lauten Stimmen dieser Welt, die ständig rufen: "Beweise dich!"
Sie haben ein Herz, das geschaffen wurde mit dem Verlangen, grenzenlos geliebt zu
werden. Kein Mensch kann dieses Verlangen je stillen. Nur der, der dieses Herz schuf, kann
diese Sehnsucht erfüllen.
Ich möchte versuchen, Ihnen ein wenig davon weiterzugeben, was es heißt, ein geistliches
Leben zu führen. Denn das ist ein großartiges Konzept. Deshalb möchte ich, daß Sie mit
dem Herzen lesen und genau hinsehen, ob irgend etwas von den Dingen, die ich erwähne,
sich mit Ihrer eigenen Erfahrung verbindet. Es geht nicht darum, ob Sie das richtig oder
falsch finden. Wichtig ist, ob Sie eine innere Verbindung herstellen können zwischen dem,
was ich sage, und dem, was Sie erleben. Wenn das passiert, kann etwas in Ihnen wachsen,
das möglicherweise völlig anders ist als das, was in mir gewachsen ist -- aber vielleicht ist es
trotzdem hilfreich.

Ich würde gerne damit beginnen, ein bißchen vereinfachend über unser Leben zu erzählen.
Ich bitte Sie, mir mit dem Herzen zu folgen, wenn Ihnen das möglich ist. Stellen Sie sich eine
lange Linie gezeichnet auf ein Stück Papier vor: Das hier ist mein Leben. Hier am Anfang
müßte die Zahl 1932 stehen, da wurde ich geboren. Wieviel Zeit soll ich mir noch geben?
Okay, sagen wir mal 2010, das ist ziemlich viel, diese Zahl schreibe ich ans Ende dieser
Linie. Das also ist mein kleines Leben, meine kleine Chronologie, meine Zeit. Das ist alles,
was ich habe -- nicht sehr viel. Vielleicht beginnt Ihre Linie später oder früher, aber sie wird
auch nicht soviel länger sein. Ihr kleines Leben und mein kleines Leben sind kleine Leben.
Und sie gehen sehr, sehr schnell vorbei.

Ich bin jetzt 60, ich kann das andere Ende also schon fast sehen. Ich habe in Gedanken
immer ein kleines Spiel gespielt und mich gefragt, ob ich mein Alter jeweils noch einmal
verdoppeln kann. Als ich 20 war, dachte ich, die 40 schaffe ich noch. Als ich 40 war, dachte
ich an die 80 -- aber jetzt kann ich es nicht mehr spielen. Es ist nicht mehr so viel übrig.
Eine der Fragen, die wir haben, während wir unser kleines Leben leben, ist sehr einfach:
Wer bin ich? Eine simple kleine Frage. Vielleicht haben Sie sich diese Frage nie gestellt,
philosophisch gesehen oder verbal. Aber es kann sein, daß Sie entdecken, daß vieles, was
Sie tun oder lassen, denken oder nicht denken, etwas mit eben dieser Frage zu tun hat: Wer
bin ich?

Ich glaube, es gibt drei Antworten darauf, die wir hier immer gerne nennen:

1. Ich bin, was ich tue
Denken Sie daran, wie wichtig das für uns ist, was wir tun! Man fühlt sich gut dabei, etwas zu
tun: "Ich bin lebendig, ich lebe!" Wenn Sie etwas tun, worauf Sie stolz sind, sagen Sie:
"Schaut her! Das habe ich gemacht!" Wenn ich ein Buch schreibe und es erscheint, sage
ich: "Schaut her! Das ist mein Buch! Ich habe etwas gemacht!" Und ich fühle mich wohl in
meiner Haut.

Wenn die Menschen älter werden, sagen sie, "Sie mögen vielleicht nicht denken, ich hätte
viel erreicht, aber sehen Sie sich mal diese Ehrenpokale an! Sehen Sie, ich war ein
Fußballer; ein Tennisspieler, ein Meister hier oder da. Schauen Sie, was ich in meinem
Leben erreicht habe!" Man ist glücklich, denn diese Leistungen geben einem ein Wohlgefühl.

Sobald man allerdings feststellt, daß man nicht mehr viel tun kann, oder die Leute vielleicht
nicht mehr schätzen, was man tut, fühlt man sich sofort schlecht, depressiv, mies. Und dann
auf einmal entdeckt man, wie abhängig man von dem war oder ist, was man tut.

Eine andere Antwort lautet:
2. Ich bin, was andere über mich sagen

Trifft das auf Sie und mich zu? Es ist erstaunlich, wie sensibel wir dafür sind, was die
Menschen über uns sagen oder schreiben. Wenn uns beim Frühstück schon jemand sagt:
"Du bist dumm!" oder "Das bringt es nicht, was du da machst!", dann verfolgt und beißt uns
das den ganzen Tag lang: "Warum hat er das gesagt?" Man fühlt sich den ganzen Tag
mies, wenn jemand etwas Negatives über einen sagt. Man fühlt sich dann wirklich dumm
und unfähig. Es verletzt uns und läßt uns nicht wieder los.

Als ich einmal vor vielen Leuten sprach und alle schienen gut zu finden, was ich sagte, stand
ein einzelner auf und rief: "Ich finde, Sie reden Nonsens! Das ist doch alles Blödsinn!" Das
war das einzige, was ich später von diesem Tag in Erinnerung behalten habe. Dieser eine
Kerl! Ich war so zornig auf ihn, ich hätte am liebsten irgend etwas unternommen gegen ihn.
Ich hatte Angst, daß am Ende jeder das sagen würde, was er gesagt hat.

Sie und ich, wir sind sehr, sehr sensibel in Bezug darauf, was Menschen über uns sagen.
Wir sind extrem besorgt um unsren Ruf. Was die Leute über uns sagen, das geht uns meist
direkt durch Mark und Bein und trifft uns mitten ins Herz.

Die dritte Antwort, die wir haben:
3. Ich bin, was ich habe

Was habe ich? Vielleicht ein gutes Haus. Eine Familie, auf die ich stolz bin, meine Vater und
Mutter sind in Ordnung. Ich habe gute Freunde. Ich habe Geld. Oder ich habe eine Menge Beziehungen.
Ich habe schöne Sachen. All das gibt mir ein Gefühl des Wohlbefindens, denn
ich kann mich bewegen, und ich habe etwas und das gibt mir Freiheit und Unabhängigkeit.

Aber sobald man diese Dinge verliert, weiß man auf einmal, wie abhängig man eigentlich
davon war, und wie schmerzvoll es ist, das alles nicht mehr zu haben. Wenn ein Freund
stirbt, wenn man sein Haus verliert, wenn die Familie krank wird, wenn man sein Geld oder
den Arbeitsplatz verliert, dann bekommt man Probleme, fängt auf einmal an, niedrig von sich
zu denken.

Es ist also tatsächlich so: Sehr oft leben wir so, als wären wir das, was wir tun, was die
Leute über uns sagen und was wir haben.

Stellen Sie sich noch einmal einen Moment diese Lebenslinie auf dem Papier vor. Die Leute
sind stolz auf Sie. Sie tun eine Menge guter Dinge. Und Sie besitzen einiges: Das alles gibt
Ihnen ein Hochgefühl, Sie fühlen sich gut. Aber sobald die Leute anfangen, gegen Sie zu
reden, wenn Sie etwas von dem guten Besitz verlieren oder beginnen, sich nutzlos zu
fühlen, dann stürzen Sie ab oder fühlen sich mies. Solange bei diesen drei Begriffen Ruhe
ist, empfinden Sie "dies ist ein guter Tag", und wenn da etwas passiert, dann wird es "ein
schlechter Tag". Und ohne daß man es merkt, entwickelt sich daraus ein Lebensmuster.
Unser ganzes Leben wird von diesen drei Maßeinheiten bestimmt. Wenn wir oben sind, sind
wir aufgeregt; sind wir unten, fühlen wir uns depressiv -– unser Alltag verläuft wie eine
Zickzack-Linie oder Fieberkurve, die den langen geraden Strich unseres Lebens überlagert:
Heute empfinde ich, daß ich eine Menge toller Sachen habe, die Leute reden nett über mich
und ich mache etwas Sinnvolles. Morgen, da ist das vielleicht anders -– und,
selbstverständlich: Dann geht es mir schlecht.

Ich möchte, daß Sie in sich fühlen und verstehen, daß Ihr Leben oft aus diesen Hochs und
Tiefs besteht. Und dabei fließt ein großer Teil unserer Energie in das Bemühen, oben,
oberhalb der Linie zu bleiben. Leute wie Ärzte, Sozialarbeiter, Psychologen, Pastoren oder
Seelsorger helfen Ihnen, oben zu bleiben -– das ist eben ihre Aufgabe. Sie helfen Ihnen, ein
gutes Gefühl über sich selbst zu behalten. Sie sagen Ihnen: "Okay, das ist schlecht, aber
morgen könnte es wieder besser gehen. Sie tun zwar gerade nichts Sinnvolles, naja, ich
werde Ihnen schon etwas Nützliches vermitteln. Sie haben einen Freund verloren? Na, da
sind doch noch andere Menschen, die bei Ihnen bleiben! Die Leute sprechen schlecht von
Ihnen? Ach, aber andere Menschen werden Sie bestimmt schätzen!" Ihre Aufgabe ist es,
uns aufzubauen -- sie versuchen, uns oberhalb der Linie zu halten.

Wissen Sie, was das im Grunde heißt? Sie helfen uns, zu überleben. Ich möchte, daß Sie
dieses Wort im Hinterkopf behalten: überleben! Überleben bedeutet, oberhalb der Linie zu
bleiben. Vieles, was wir für "Leben" halten und so bezeichnen, ist in Wirklichkeit Überleben.
Über der Linie bleiben. Oben bleiben.

Was aber passiert, wenn man das Ende seiner Lebenslinie erreicht? Die wichtigste
Aussage, die man machen kann, wenn man am Ende ist, klingt ganz simpel: Wenn man tot
ist, ist man tot. Es ist alles vorbei. Abgeschlossen, weg, vorüber. Man liegt in der Erde, man
löst sich auf und ist weg.

Wenn man tot ist, ist man tot. Das heißt: Man kann nichts mehr tun, niemand redet mehr
über einen, man besitzt nichts mehr. All das, was einen ausgemacht hat, hat man verloren.
Und plötzlich -– wenn Sie einmal so darüber nachdenken -– wird Ihnen klar, daß Ihre
gesamte Identität, Ihre Vorstellung davon, wer Sie sind, völlig von äußeren Umständen
abhängt, die Sie nicht kontrollieren können.
Sie sagen: "Ich bin, was ich tue" -- aber Sie haben das nicht im Griff! Häufig werden Sie
gebraucht und sind nützlich -- aber dann plötzlich ändert sich die Wirtschaftslage und Sie
verlieren Ihren Arbeitsplatz. Sie haben keinen Zugriff darauf. Sie sagen "Ich bin, was andere
über mich sagen" -– aber Sie haben nicht im Griff, was die Leute über Sie sagen! Sie
können nette und gemeine Sachen sagen, aber Sie haben es nicht unter Kontrolle. Sie
sagen "Ich bin, was ich habe" -– aber Sie haben nicht im Griff, was Sie haben. Eines Tages
gibt es einen Sturm, ein Unglück oder einen Krieg und Sie verlieren alles.

Wenn Sie sagen, "ich bin, was ich tue; was die Leute über mich sagen und was ich habe",
dann hängt Ihre gesamte Identität, Ihre Vorstellung davon, wer Sie sind, von der Welt ab. Es
wird Ihnen von außen, von der Welt draußen vorgegeben. Und wenn Sie sterben, bleibt
nichts übrig, denn Sie waren das, was Sie von außen bekamen.

Ihr ganzes Leben war ein Versuch, zu überleben -- und am Ende scheitern Sie
unausweichlich sowieso. Denken Sie einmal ein paar Momente darüber nach: Können Sie in
Ihrem Leben erkennen, daß es Ihnen ähnlich geht? Trifft etwas davon auch auf Sie zu? Ist
es so, daß Ihre Niedergeschlagenheit und Ihr Hochgefühl von Dingen abhängen, die Sie
nicht beeinflussen können? Daß die Art, wie Sie sich grundsätzlich fühlen, von Dingen
abhängt, die Sie gar nicht im Griff haben? Daß Ihr ganzes Selbstgefühl von der äußeren
Wirklichkeit abhängt? Wenn das so ist, dann wäre das enorm tragisch!

Ich möchte Ihnen gerne etwas ganz Einfaches sagen: Das Evangelium, Jesus, Gott sagt:
"Das ist falsch! Das ist nicht die Wahrheit! Dieses Denken ist eine große, große Lüge. Auch
wenn du so tust, als wäre es wahr; auch wenn du so lebst, als wäre es wahr -- es ist eine
große Lüge!" Manchmal müssen Sie mit dieser Lüge in Berührung kommen, um
anzufangen, zu entdecken, wer Sie wirklich sind.

Wer sind Sie, wenn nicht das, was Sie tun? Wer sind Sie, wenn nicht das, was die Leute
über Sie sagen? Wer sind Sie, wenn nicht das, was Sie haben? Das Evangelium -– aber
auch die geistliche Tradition -– ist hier über alle Maßen klar. Das Zentrum der christlichen
Botschaft ist sehr einfach: Du bist der Geliebte Gottes! Du bist der Geliebte! Das steht als
Realität weit über den Daten oder dem Auf und Ab auf Ihrer Lebenslinie.

Ich möchte, daß Sie beginnen, zu sehen, wie Sie diese Wahrheit für sich entdecken und
beanspruchen können. Daß Sie sagen können: "Ich möchte für mich selbst diese Wahrheit
ergreifen, daß ich der Geliebte Gottes bin." Denken Sie einen Moment lang an Jesus. Als
Jesus getauft wurde, stieg er aus dem Wasser und eine Stimme sagte: "Du bist mein
Geliebter. An dir habe ich Wohlgefallen." Du bist der Geliebte Gottes! Und diese Stimme
begleitete und leitete alles, was Jesus sagte und tat. Wo immer er hinging, wo immer er
redete, wußte er, daß da die Stimme war, die ihn "Geliebter" nannte. Die Menschen liebten
ihn und sie haßten ihn, sie applaudierten und sie kreuzigten ihn, sie spuckten ihn an und sie
klopften ihm auf die Schulter. Aber was auch immer geschah, er sagte: "Ich bin der Geliebte.
Das ist die Wahrheit -- was immer die Leute sagen oder tun." Das ermöglichte ihm, voller
Treue Gott gegenüber durchs Leben zu gehen. Immer wieder festzuhalten an dieser
Wahrheit, immer wieder auf die Stimme zu lauschen, die sagt: "Du bist mein Geliebter! An
dir habe ich Wohlgefallen!"

Was ist Gebet? Beten heißt, auf die Stimme zu hören, die mich "Geliebter" nennt. Die sagt:
"Du bist meine geliebte Tochter. Du bist mein geliebter Sohn." Jesus hörte dieser Stimme
zu. Erinnern Sie sich, daß derselbe Geist, der am Jordan über Jesus kam, ihn in die Wüste
trieb, damit er versucht würde? Und wie wurde er versucht? Von Satan, indem er sagte:
"Beweise mir, daß du der Geliebte bist! Verwandle Steine in Brot! Zeig, daß du was kannst!
Spring vom Tempel hinunter, so daß alle dir zujubeln und die Engel dich auffangen können!
Damit die Menschen Großes von dir denken und toll von dir reden. Knie vor mir nieder und
ich werde dich reich belohnen, so daß du viel besitzt. Beweise der Welt, daß du es wert bist,
geliebt zu werden! Beweise es, indem du etwas tust. Beweise es, indem du einen guten Ruf hast.
Beweise es, indem du eine Menge besitzt."

Und Jesus sagte: "Nein! Nein, nein nein! Denn ich bin nichts davon. Ich bin der Geliebte! Der
bin ich. Und ich bin der Geliebte, noch bevor ich irgend etwas tue, bevor die Leute über mich
reden, bevor ich irgend etwas besitze."

Ich möchte, daß Sie diesen gewaltigen inneren Sprung vollziehen, der dem entspricht, was
Jesus über sich selbst sagte; er möchte, daß Sie dasselbe über sich sagen. Jesus will, daß
Sie wissen, daß Sie genau so sehr von Gott geliebt sind wie Jesus selbst. Jesus sagt: "Liebt
einander, wie ich euch geliebt habe. Und ich habe euch so sehr geliebt, wie der Vater mich
geliebt hat." Für Sie und für mich lautet die Hauptfrage des Lebens, auf der all unsere
Freiheit beruht: Glaubst du, daß du der Geliebte bist? Oder sagen Sie: "Ich bin ein kleiner
Mensch, der beweisen muß, daß er okay ist." Glauben Sie, daß Sie unendlich von Gott
geliebt sind, oder sagen Sie: "Tja, ich muß schon sichergehen, daß die Leute gut über mich
reden, sonst wird das nichts!" Glauben Sie, daß Sie so sehr geliebt sind, daß Sie immer
noch tief und sicher in der Liebe Gottes verwurzelt sind -- was auch immer die Leute sagen,
was auch immer Sie tun oder haben? Das ist die Quelle, aus der Ihre Freiheit kommt -– von
daher kommt sie wirklich. Das ist es, was es Ihnen möglich macht, aufzustehen und darauf
zu vertrauen, daß Sie die Welt verändern können -- weil Sie nicht abhängig sind von den
Einflüssen dieser Welt.

Das genau ist es nämlich, was die Welt will: Daß Sie das Gefühl haben, beweisen zu
müssen, daß Sie wertvoll sind. Und je mehr die Welt, in der Sie leben, Sie in die
Gefangenschaft dieser Idee nimmt, umso unfreier werden sie. Je mehr Geld Sie verdienen
müssen, je mehr Sie tun müssen, je mehr Zeit Sie geben müssen, umso erschöpfter werden
Sie werden -- und Sie sind nicht wirklich frei.

Bitte, hören Sie einen Moment lang genau hin. Ich möchte, daß Sie auf die Stimme hören,
die Sie Geliebter nennt. Ich verwende einige Worte aus der Bibel, die Sie vielleicht schon
einmal gehört haben. Hören Sie einmal genau hin und lassen Sie diese Worte an Ihr Herz
heran:

"Du bist meine geliebte Tochter. Du bist mein geliebter Sohn. Ich liebe dich mit einer
immerwährenden Liebe. Ich habe dich gesehen, bevor du geboren wurdest -- ich liebte dich.
Noch bevor du sprechen konntest und bevor dich deine Mutter berühren konnte, habe ich
dich gerufen. Ich habe dich in der Tiefe der Erde geformt. Ich habe dich im Körper deiner
Mutter zusammengesetzt. Du bist mein und ich bin dein. Du bist der, der zu mir gehört, und
ich möchte zu dir gehören. In meiner Umarmung bist du sicher, was immer geschieht. In
meinen Augen bist du kostbar. Du bist so kostbar wie das Licht in meinen Augen. Du bist
mein Kind, du bist mein Sohn, du bist meine Tochter. Du gehörst zu mir und bist immer Teil
meiner Gedanken, du bist immer in meinem Herzen, ich werde dich nie, niemals allein
lassen. Ich werde an der Wahrheit festhalten, daß du mein Geliebter bist, und ich bin mit dir,
wohin du auch gehst und was immer du auch tust."

Wenn diese Sätze Gedanken sind, die sich nur in Ihrem Kopf befinden, dann bringt Sie das
nicht besonders weit. Eine süße, romantische Vorstellung, die nicht viel bewirkt. Aber wenn
er Sie plötzlich mitten ins Herz trifft, wenn Sie auf einmal im Zentrum Ihres Innersten
erfahren, daß es das ist, wer sie sind, dann verändert das alles. Alles um Sie herum ändert
sich. Ihr ganzes Leben wird das Leben eines Geliebten. Ihr ganzes Leben wird ein Leben,
wo alles um Sie herum beginnt, eine neue Sprache zu sprechen. Wenn Sie nur das gehört
haben und hören können.

Ich möchte dies alles sehr einfach sagen, denn es gehört zu den schwersten Dingen, mit
denen Sie und ich in Berührung kommen. Denn die Stimme, die das zu einem sagt, ist nicht
sehr laut und mächtig. Kennen Sie die Geschichte Elias? Er wollte die Stimme Gottes hören,
aber Gott war nicht im Sturm, nicht im Erdbeben, er war nicht im Feuer -- er sprach mit einer leisen, sanften Stimme.

Die Stimme, die Sie Geliebter nennt, schreit Sie nicht an. Es ist eine sehr sanfte Stimme.
Und sie erklingt neben den lauten Stimmen dieser Welt, die ständig rufen: "Beweise dich!
Beweise dich! Beweise dich!" Deswegen ist es so schwer für uns, in Kontakt mit dieser
Wahrheit zu bleiben. Aber das müssen Sie!

Ich möchte Ihnen zeigen, daß das, was ich gerade eben gesagt habe, sehr, sehr wichtig ist
für Ihr geistig-geistliches Wohlergehen: Weil Sie ein Herz haben, das geschaffen wurde mit
einem Verlangen, grenzenlos geliebt zu werden. Und kein Mensch kann dieses Verlangen je
stillen. Nur der, der dieses Herz schuf, kann diese Sehnsucht erfüllen. Augustin sagte: "Mein
Herz ist unruhig, bis es ruht in dir." Unsere Herzen sind ruhelos. Sie werden niemals und nie
mit der Liebe zufrieden sein, die die Welt bieten kann.

Das führt uns an eine sehr schwierige Stelle, auf die ich kurz eingehen möchte: Menschliche
Liebe, die Liebe von Vater und Mutter, die Liebe des Liebhabers, die Liebe des Ehegatten,
die Liebe des Lehrers, die Liebe der Gemeinde; diese Liebe ist immer unvollkommen -- und
deswegen verletzt sie auch immer.

Denken Sie an Ihre Eltern. Haben sie Sie geliebt? Ja, sie liebten Sie. Aber sie haben Sie
auch verletzt. Denken Sie an die Lehrer in Ihrer Schule. Haben sie Sie geliebt? Ja, sie
liebten Sie. Aber sie haben Sie auch verletzt. Denken Sie an Ihre Kinder. Lieben sie Sie? Ja,
sie lieben Sie. Aber sie lassen Sie auch leiden. Denken Sie an Ihre Gemeinde. Liebt die
Gemeinde Sie? Ja, sie liebt Sie. Aber das alles kann auch ganz schön schwierig sein.
Jedesmal, wenn Sie mit menschlicher Liebe in Berührung kommen, kommen Sie auch mit
Wunden in Berührung.

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, was mit Ihnen geschah, als Sie ein Kind
waren? Sagen Sie: "Es war wunderbar, aber mein Vater ... Nun ja, er versuchte zwar, mich
zu lieben, doch er war sehr autoritär, er verstand mich nicht. Meine Mutter liebte mich,
sicher, aber sie war sehr ängstlich und immer so überbehütend. Deswegen war ich nicht
wirklich frei"? Sie werden entdecken, daß Ihre Liebe in Ihrem Leben nie besonders perfekt
gewesen ist. Und wenn Sie jemand anderen lieben, werden Sie entdecken, daß man
Menschen lieben kann -- aber eines Tages sagen sie einem doch, daß man es nicht
besonders gut gemacht hat. Eines Tages werden wir hören: "Ja, aber du hast mich nicht
richtig geliebt." Wenn Sie Vater, Mutter oder Partner sind -– am Ende werden wir kritisiert
werden, daß wir nicht genug geliebt haben.

So ist das in dieser Welt. Es ist eine Welt, in der wir arme und unvollkommene Liebende
sind. Und wir müssen ständig gegen die Versuchung kämpfen, deswegen niedergeschlagen
zu sein, enttäuscht, ärgerlich, voller Groll und Rachegedanken. Wir möchten etwas daran
ändern, wir wollen endlich jemanden finden, den wir richtig lieben können, einen Partner,
Geliebten, Freund. Aber wir schaffen es nicht. Wir wollen Liebe. Aber sie entgleitet uns. Und
manchmal wollen wir es so sehr, daß unsere Liebe gewalttätig wird, ehe wir es merken. Wir
sagen: "Lieb mich! Lieb mich! Lieb mich!" Und bevor man es merkt, würgt man den Hals des
anderen. Und wenn der andere sagt, daß er mich so nicht lieben könne, dann sagen wir:
"Aber ich bin so einsam! Ich brauche jemanden, der mich liebt!"

Wir sehen all die Gewalt im Fernsehen -- manchmal habe ich das Gefühl, als sei diese
Gewalt enttäuschte, verhinderte, verletzte Liebe. Zornige, ärgerliche Liebe: "Ich bin so sehr
einsam! Ich will, daß du mich liebst! Aber warum liebst du mich nicht besser?" Und aus dem
Küssen wird dann Beißen. Und aus einem zarten wird ein mißtrauischer, argwöhnischer
Blick. Aus Zuhören wird Belauschen. Und Hingabe wird Vergewaltigung. Bevor es einem
bewußt wird, hat man nur noch Gewalt, wo man doch eigentlich Liebe wollte. Denn unser
Herz will bedingungslos geliebt werden. Aber wenn wir von anderen Menschen erwarten,
uns so zu lieben, wie nur Gott das kann, werden wir dämonisch.
Dann werden wir wie Teufel, die Menschen zur Liebe zwingen. Und dieser Zwang an sich zerstört die Liebe.

Und deshalb kam Jesus. Um uns Gewaltlosigkeit zu lehren. Wie? Indem er uns gewahr
werden läßt, daß die Liebe unseres Vaters, unserer Mutter, unseres Bruders und unserer
Schwester lediglich ein kleiner, begrenzter, schwacher Abglanz jener grenzenlosen Liebe ist,
die schon lange vor unserer Geburt da war und noch lange nach unserer Zeit sein wird.

Man kann in dieser Welt nur leben, wenn man nicht von Menschen erwartet, was nur Gott
geben kann. Ein Friedensstifter kann man nur sein, wenn man mit der begrenzten Liebe
dieser Welt glücklich ist. Aber mit der begrenzten Liebe dieser Welt kann man nur glücklich
sein, wenn man irgendwie weiß -- weil es einem offenbart wurde --daß es die
bedingungslose Liebe, nach der sich unser Herz sehnt, wirklich gibt. Und daß sie direkt im
Zentrum unseres Seins sein wird, wenn man einfach bereit ist, auf sie zu hören. Wenn man
einfach aufmerksam sein will und nicht herumrennt, um sie irgendwo zu finden, wo man sie
nicht finden kann.

Es ist ein unglaublicher Akt des Glaubens, zu sagen: "Ich bin der Geliebte. Und deswegen
will ich bereit sein, dir zu vergeben, wenn du mich liebst -– und dabei doch auch verletzt.
Und ich will dankbar sein für deine Liebe -- selbst wenn es nur ein wenig ist." Sie wissen, wie
schwer es uns fällt, zu vergeben -- vor allem, weil wir so bedürftig sind. Ich habe mit vielen
Menschen über ihr Leben gesprochen. Über ihre Erfahrungen, nicht richtig geliebt worden zu
sein. Wir hoffen, durch dieses Aufarbeiten Einblick zu bekommen und unsere Wunden zu
schließen, und das ist sehr wichtig. Aber so viel Einsicht wir auch gewinnen, diese Einsicht
wird uns letztlich nicht zu dem Ort des Friedens führen, wenn wir nicht jenseits der Einsicht
zu einem tiefen, inneren Annehmen der Wahrheit kommen können, daß wir Geliebte Gottes
sind. Von hier aus können wir beginnen, zu handeln.

Wenn Sie mir weh tun und ich mich verletzt fühle, dann wünsche ich mir, zurückschlagen, es
heimzuzahlen. Aber wenn ich mir meines Geliebtseins bewußt bin und daran glaube, kann
ich auf eine ganz andere Art reagieren -- und Sie nach und nach auch. Das ist das gewaltige
Geheimnis der Liebe Gottes: Jesus möchte, daß die Stimme, die er hörte, zur Stimme wird,
die auch Sie hören: "Du bist mein Geliebter! Du kannst in meinem Wohlgefallen ruhen!"

Zum Schluß noch etwas sehr Einfaches: Wenn Sie einmal glauben, daß dies die Wahrheit
ist, daß dies das ist, wer Sie wirklich sind: Geliebter -- dann können sie von dieser Wahrheit
über Ihrem Leben her zu leben beginnen. Und diese Wahrheit über Ihrem Leben wird nach
und nach den Zyklus des Auf und Ab, der Hochs und Tiefs aufgrund äußerer Leistungen
durchbrechen. So daß Sie nicht mehr abhängig sind von Ihrer momentanen Nützlichkeit, den
Stimmen über Sie oder dem, was Sie besitzen.

Wenn Sie einmal begonnen haben, mit der Wahrheit Ihres Geliebtseins zu leben, breitet es
sich aus, zieht Kreise und berührt Sie genau in den Hochs und Tiefs Ihres Lebens. Und
alles, was dort passiert, verändert sich dann. All die Enttäuschungen Ihres Lebens bedrohen
nicht mehr Ihre Identität, sondern werden Gelegenheiten, ja zu dem zu sagen, der fragt:
"Liebst du mich auch?"

Ziemlich am Ende seines Lebens fragte Jesus Petrus: "Petrus, Sohn des Johannes, liebst
du mich mehr als die anderen? Petrus, liebst du mich?" Und dann ein drittes Mal: "Liebst du
mich?" Und plötzlich sehen wir, daß Gott, der für alle Ewigkeit gesagt hat: "Ich liebe dich mit
unendlicher Liebe", Sie und mich fragt: "Liebst du mich auch?" Wenn Sie diese Frage hören,
werden Sie plötzlich erkennen, daß alle Erfahrungen Ihres Lebens -- die schmerzhaften
genauso wie die glücklichen -- Erlebnisse sind, die Ihnen eine Möglichkeit geben, zu
antworten: "Ja! Ja, ich liebe dich auch!"

Denn das ist das Geheimnis Gottes: Er liebt uns, aber er möchte eine Antwort. Gott liebt
uns, aber er sagt: "Ich bin ein eifersüchtiger Liebhaber, ich möchte, daß du mich auch liebst,
von ganzem Herzen, mit deinem ganzen Leben, mit deinem ganzen Selbst. Liebst du mich?
Ich, Gott, wünsche mir, daß du ja sagst.

Und wenn du jemanden verlierst, kannst du dann inmitten deines Leides immer noch ja
sagen? Wenn viele Menschen anfangen, gegen dich zu reden, wirst du dann sagen: ,Ja,
Herr, ich will dich genau jetzt lieben, wo ich mich so abgelehnt fühle'? Wenn du eines Tages
dein Gesundheit verlierst, kannst du dann irgendwie sagen: ,Es ist schmerzvoll, es ist
schrecklich, ich will das nicht. Aber ich möchte sagen, daß auch dies eine Möglichkeit für
mich ist, ja zu dir zu sagen, der mich so sehr geliebt hat'?"

Dann auf einmal nämlich wird aus dem Leben, das bisher eine Aneinanderreihung von
Hochs und Tiefs war, ein andauernder Kampf ums Überleben, wirklich Leben. Hinleben auf
den Ort, wo man wahrhaftig ja sagen kann -– und dieses Ja nicht länger das Ende ist. Sagte
Jesus nicht zu seinen Jüngern: "Wußtet ihr nicht, daß ich leiden mußte, um verherrlicht zu
werden? Wußtet ihr nicht, daß all die Dinge, die in meinem Leben geschahen -- und die in
eurem Leben geschehen werden -- Wege sind, euch um das Ja auf meine Liebe zu bitten?
So daß ihr und ich eins sein können. So daß ihr und ich in vollkommenster Gemeinschaft
leben können, nach der sich euer Herz sehnt." Das ist der Sinn des Lebens, darum geht es:
Eine kurze Gelegenheit für uns, ja zu dieser Liebe zu sagen.

Henri J. M. Nouwen (1932 -- 1996) war Professor für Pastoraltheologie und Psychologie,
gab 1986 sein Lehramt auf und schloß sich der von Jean Vanier gegründeten "Arche"-
Bewegung eines gemeinsamen Lebens mit Behinderten an. Er gehört zu den bekanntesten
geistlichen Schriftstellern der Gegenwart. Übersetzung: David Neufeld.

Lesezeit: 25 -- 40 Minuten